50 Jahre Theater-AGs am MWG
unter der Leitung von Erika von der Nahmer

Angefangen hat alles mit dem Schlaraffenland im Jahre 1959. Es war ein Stück mit Musik, und als Gymnastik und Sportlehrerin war ich zuständig für die Bewegungsgestaltung der Brezeln, Schweine, Äpfel und Birnen. Da es sowohl Darstellern als auch Zuschauern viel Freude machte, folgten in den nächsten Jahren weitere Spiele, durchweg in Gemeinschaft mit den Musiklehrern. Wer von den "Ehemaligen" sieht und hört nicht noch den guten "Teddy Tetzlaff" mit Schwung und Energie den Hügel bearbeiten? Wer von ihnen erinnert sich nicht mehr an den pfiffigen "Kaspar Larifari"? Mit Herrn Denkhaus war es eine Zeit sehr schöner und auch erfolgreicher Zusammenarbeit und wenn es auch mitunter hoch herging bei den Proben - Schauspieler, Musiker und wir bildeten eine echte Einheit. In dieser Zeit wurde mir klar, welche Bedeutung das (Schau-)spiel im Schulalltag haben kann. Nicht nur, daß die jährlichen Aufführungen gewisse feste Höhepunkte setzten, an denen die Schulgemeinde insgesamt teilnahm. Als besonders bedeutungsvoll erwies sich der Einfluß der gemeinsamen Probenarbeit auf den Einzelnen. Schüler, die ich als eher zurückhaltend kannte, entdeckten plötzlich, daß sie auch anders konnten. Sie wurden selbstsicher auch im sonstigen Schulleben. Andere Schüler - solche von der Sorte "hoppla, jetzt komm' ich" - mußten in der Gruppe zurückstecken, denn da zählten andere Dinge als große Klappe und forsches Auftreten. Diese Erkenntnisse und dazu die Freude am Spiel bei Schülern aller Altersgruppen bewogen mich, die Theaterarbeit anders aufzubauen als es gemeinhin üblich war. Nicht eine Theatergruppe ausgewählter Begabter sollte es geben, sondern für alle Spielbegeisterten die Möglichkeit mitzumachen. So wurden es von Jahr zu Jahr mehr Gruppen, bis ich nach meiner Pensionierung zeitlich die Möglichkeit hatte, für jede Jahrgangsstufe eine AG anzubieten. Die Fünftklässler üben sich zunächst mal in Pantomime, wobei - dank der Ungezwungenheit dieses Alters - oft erstaunliche Dinge herauskommen. Natürlich drängt es sie dann schon bald zum richtigen Spiel, und so führt der Weg mit den Jahren vom kurzen Sketch über lustige Einakter bis zu längeren und inhaltlich wesentlicheren Stücken. Wenn ich mich frage, mit welcher Altersgruppe es am meisten Freude macht, dann fällt die Antwort schwer, es liegt auch zum einen nicht unwesentlichen Teil an der Zusammensetzung der einzelnen AG. Sehr schön ist es natürlich zu sehen, wie sich bei den "Kleinen" reine Spielfreude zunehmend zu schauspielerischem Können entwickelt, Fröhlichkeit und Aufgeschlossenheit dieser Spieler schaffen die ideale Arbeitsatmosphäre. In den AGs der Mittelstufe kristallisieren sich dann die wirklich Spielfreudigen heraus, die Gruppen werden kleiner.
Die Sorge, ein zu spielendes Stück könnte zu "kindlich" sein, beherrscht die Suche nach etwas Passendem. Andererseits ist es ein unüberwindliches Hindernis, wenn man den Partner mal in den Arm nehmen oder gar küssen soll. Die Unbefangenheit der ersten Zeit ist vorüber, man ist aber noch nicht soweit, über dem Spiel alles Andere zu vergessen. Ich würde also sagen, daß diese Altersstufe es mit sich selbst am schwierigsten hat. Aber, ist die jeweilige Gruppe menschlich nett und im Grunde begabt, dann macht es auch mit ihnen viel Freude. Ein wirkliches Geschenk ist es natürlich, wenn eine AG im Kern von Klasse 5 bis Stufe 13 zusammenbleibt. Nicht nur, daß die Theaterarbeit ein beglückendes Miteinander bedeutet, das Ergebnis kann sich dann auch sehen lassen. Ich erinnere da nur an "Pantalones Hochzeit" im Jahr 1983. Die Hauptdarsteller spielt heute noch im "Paukertheater" mit. Herausragend dann vor allem Thornton Wilders "Unsere kleine Stadt" 1988 mit einer meiner besten Gruppen. 1993 beende eine besonders begabte und einsatzfreudige Gruppe ihre Theaterarbeit an der MWS mit Agathe Chrsties "10 kleine Negerlein". Die Spieler waren fast alle ab Klasse 5 dabei, in jedem Jahr brachten sie ein Stück auf die Bühne, wobei besonders bemerkenswert war, daß eines davon - "Sadie und Kevin" - von einem der Mitspieler, von Guido Reineke, selbst geschrieben war. Was die Arbeit mit den genannten Gruppen so besonders erfreulich und erfolgreich gestaltete, war deren hundertprozentige Einsatzbereitschaft auch über die eigentliche Probenzeit hinaus, war das absolute Miteinander von ihnen und mir. Geblieben ist dann neben der Erinnerung an Probenzeit und Aufführungen eine besondere menschliche Beziehung, die auch nach der gemeinsamen Schultheater-Zeit nicht verloren gegangen ist. Fazit also: Schultheater - in welcher Form auch immer - bedeutet eine Bereicherung des Schullebens, es wirkt erzieherisch ohne gehobenen Zeigefinger und bringt Spielern wie Zuschauern Stunden der Freude im - wirklich grauen (?) Schulalltag.

Erika von der Nahmer


Quelle: Festschrift der Maria Wächtler-Schule

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